Erzählung,  veröffentlicht in dem 
Literaturmagazin Edit (#78/79, Oktober 2019)








Die Schwimmhaubenfrau




Bevor es losging, hat der Mann vom Bestattungsinstitut für die Internetseite seines Bestattungsinstituts Bilder von dem mit Blumen geschmückten Altar gemacht. Ich hätte ihm am liebsten ins Gesicht geschlagen. Dass ich es nicht tat und nichts sagte, regte mich noch mehr auf. Unausgesprochene Wut, irgendwann wird sie sich nicht mehr innerlich stapeln lassen, man platzt oder stirbt oder wird bitter und beschimpft Passanten. Davor zeigte uns der Hausmeister die Kirche und wusste nicht, ob und wie die Lautsprecher angehen. Überhaupt wusste er nur, wie die Hintertür aufgeht, sonst nichts. Wir scheinen die Einzigen zu sein, die dieser Situation gewachsen sind, und sind doch die Einzigen, die es nicht sein sollten. Harte, ziellose, metallische Verdrängung.


Fünf Tage nach ihrem Tod traf ich eine rothaarige Choreographin aus England, die ich einst in einem Techno-Club geküsst hatte. Sie war wegen eines Bully-Herbig-Films in München, bei dem sie mittanzte. Ich nahm diesen Zufall als Chance wahr und fuhr mit dem Fahrrad meiner toten Mutter zu ihrem Hotel. Sie erzählte mir, dass sie Bully sehr professional finde, als Regisseur einfach toll. Es sei great mit ihm zu arbeiten. Während wir redeten, lag sie in dem kleinen 80er-Jahre-Pressholz-Hotelzimmer auf dem Bett, ich saß auf einem Stuhl direkt daneben, Beine überschlagen, rechtes Sprunggelenk auf dem linken Knie. Ich fühlte mich wohl, hier herrschte keine Unsicherheit, ich konnte funktionieren. Alles in mir strebte nach Funktion. Ich erzählte der Tänzerin von dem Tod meiner Mutter, nachdem ich ihr schon geschrieben hatte, dass es passiert war. Sie nahm Anteil, aufrichtig, wirklich aufrichtig. Dann verfiel sie in den Reflex, angesichts von Leid vom eigenen oder dem Leid anderer zu reden – eine Freundin hätte vor Kurzem ihren Onkel verloren. Ein Empathie-Beweis. Wir kannten uns nicht, deshalb war er vielleicht angebracht.


Ich redete tentativ darüber, wie ich mich fühlte, da sie ja fragte, Plattitüden vielleicht, vielleicht bessere Plattitüden, dabei nicht unwahr, die Leute unterschätzen Klischees und Plattitüden, sie sagte, dass sie mich in den Arm nehmen wolle, ich ging zu ihr ans Bett und tat ihr den Gefallen, spürte nicht viel, küsste sie danach direkt, nicht weil es sich ergab, nicht weil ich es wollte, sondern weil ich davon ausging, dass es jetzt angebracht war, sie entschuldigte sich und sagte, sie müsse kurz ins Bad, wo sie sich vor allem um ihre Haare kümmerte, für die sie sich ein wenig schämte. Das ganze Haarspray am Set hätte sie spröde gemacht. They’re normally not like that. Sie kam zurück und war nun ungehalten, wie verwandelt, ihre Haare nicht wirklich, was mich nicht kümmerte. Sie hockte auf mir und sagte, dass es sich so anfühle, als würden wir uns schon lange kennen. Ich zog ihren BH aus und nahm diese Aussage als Bestätigung, als Bestätigung für mein Funktionieren. Nachdem wir angefangen hatten, mit Kondom miteinander zu schlafen: I want to fuck you without a condom, was wir taten und ich war angetan von der Akrobatik ihres Körpers. Sie sagte, ich solle vorsichtig sein, sie wolle nicht schwanger werden. Ich sagte I’m careful und war es auch. Sie beichtete mir danach, dass sie unfähig sei, Orgasmen zu bekommen, sie sei ab einem gewissen Punkt immer kurz davor, immer kurz davor, immer kurz davor, immer kurz davor. Sie erzähle das normalerweise niemandem, viele Männer schrecke das ab. But I know I will see you again. Ich wusste weder, ob ich sie wiedersehen würde, noch ob ich sie wiedersehen wollte. Doch wer trauert ist gut. In der Früh ging sie zurück zu Bully, während ich ausschlief. Dann direkt vom Hotel zum Friedhof, um mit meinen drei Geschwistern und meinem Vater den Grabplatz auszusuchen. Es regnete grotesk stark, es schien als ob irgendjemand Regenmaschinen angeworfen hätte, um hier einen Horrorfilm zu drehen. Mein Vater war guter Laune, sogar er funktionierte und scherzte mit dem bosnischen Grabplatz-Bürokraten auf Serbokroatisch, nahm ihm irgendwann die Mappe ab, um selber zu schauen, welche Gräber frei waren, weil der Bürokrat ein schlechter Bürokrat war.


Meine Geschwister stießen sich an meinem Perfektionismus, waren genervt, dass ich im Regen nochmal loszog, um einen besseren Platz zu finden. Sie wollte neben einem Baum begraben werden. „Das fänd ich schön“, hatte sie gesagt und dann aus ihrem Rollstuhl mit der roten Mütze auf dem kaputten Kopf, mit Tränen in den Augen zu mir hochgeblickt, wie um Bestätigung bittend. Die niederschmetternde Unsicherheit einer Sterbenden, davon erzählt dir niemand etwas. Wir fanden einen Platz zwischen zwei Bäumen. Ich fragte mich, ob meine Geschwister mich misstrauisch beäugten, weil ich direkt aus dem Hotel gekommen war. Und sie wussten nicht einmal von Bully. Ich wünschte, sie würden einen Scherz machen, mich triezen, ein kleiner Seitenhieb hätte gereicht. Stattdessen unterdrückende, schweigende Toleranz. Vielleicht sogar Verständnis, das ich selber nicht hatte.


Jetzt stehe ich an dieser Kanzel und rede von Wasserbomben. Es ist der heißeste Tag des Jahres. Meine Sicht ist schon seit einer Stunde stark eingeengt, an den Tränen liegt es nicht. Als wäre ich extrem kurzsichtig, sehe ich nur in einem Radius von zwei Metern scharf. Tranceartig stehe ich in einer kleinen, vollen bayrischen Barockkirche vor ungefähr 120 verschwommenen Gesichtern, die emotional und physisch gerührt scheinen, und doch keinen Funken Mitleid in sich tragen. Vielleicht ist es der Respekt vor dem Hinterbliebenen, vielleicht verstehe ich einfach nur nicht, dass ich erwachsen bin und auch so aussehe. Das fehlende Mitleid treibt mich an, es scheint, als müsste ich es mir erkämpfen und so funktioniere ich wieder, rede langsam, bedacht, betont, schaue kein einziges Mal auf den Zettel und gebe den Inhalt Wort für Wort wieder. Sie hat uns nie dabei geholfen Wasserbomben zu bauen. Das war ein Freund von ihr. Sie hat es geduldet, ja, sie hat es unterstützt. Und ich weiß auch nicht, ob sie die Beworfenen beruhigte. Es ist wahrscheinlich, dass sie sowas getan hat. Aber ich kann mich nicht erinnern, nicht so genau, wie ich es jetzt beschreibe. Die Essenz ist wahr, die Details nicht ganz, aber das ist egal.


Sie half uns dabei, Wasserbomben zu bauen und sie von der hochgelegenen Terrasse auf die Dorfbewohner zu werfen. Und dann dieses verschmitzte, charmante Lächeln, als sie uns vor zwei italienischen Frauen in nassen Schürzen in Schutz nahm. Und dann zwei Jahrzehnte später die Panikattacke, als sie schon ein Viertel ihres Schädels rausgenommen hatten, und sie immer wieder grob an den eingefallenen Hautlappen des Kopfkraters fasste, direkt darunter das geschundene Hirn, und sich an meine Schwester klammerte, die versuchte, sie daran zu hindern und ihr beruhigende Dinge ins Ohr flüsterte. Und dann zog sie meiner Schwester fest an den Haaren. Als die Panikattacke sich legte, entschuldigte sie sich: „Das habe ich nicht so gemeint. Du kannst mich zurück an den Haaren ziehen, wenn du willst.“ Hier stimmt jedes Detail. Ich habe mich in der Nacht davor schlecht gefühlt, weil ich diese Geschichte ja nicht erlebt hatte, sondern meine Schwester, es ja nun mal ihre Geschichte ist. Aber das ist jetzt egal. Und das ist es vielleicht auch wirklich. Und dann zurück zum verschmitzten Lächeln: sie, aufgebahrt, alle Krankheit aus dem Gesicht gewichen und sie so schön wie früher, kindlich, mädchenhaft, frech, so schön wie immer. Was ich jetzt hier oben nicht erzähle und wieso auch: Wie ich mich Minuten nach ihrem Tod umschaute, im Kerzenlicht meiner Familie beim Trauern zuschaute und mir überlegte, was ich denken soll, was ich tun soll, nicht weinte, entrückt, verfroren saß ich vor dem noch warmen Körper und in diesem Moment ließ mich alles, ihr Tod, ihr Verlust, wie sie dalag, kalt, es verwirrte mich, alles, was mich Jahre, vielleicht mein Leben lang verfolgen würde, verwirrte mich jetzt, war nicht real, ließ mich kalt, ich beschrieb die Eindrücke in meinem Kopf und wunderte mich, dass mein Vater meine Schwester aufforderte, mich in den Arm zu nehmen. Und ich ende mit: "Ich hätte mir nur gewünscht, dass meine eigenen Kinder sie später an den Haaren ziehen können.“ Und das stimmt – als hätte ich etwas Ungeborenes verloren, als hätte ich die Möglichkeit einer Familie verloren und so ist es vielleicht auch wirklich.


Ich steige von der Kanzel herunter. Kurze, unbewusste Schritte, staksige Lederschuh-mit-Absatz-Schritte in dem von dem Freund meiner Schwester geliehenen Anzug, der zu gut sitzt. Ich sehe noch immer nicht viel, höre den Messdiener, wie er während der Rede meines Großonkels durch die Reihen läuft und jeden auffordert, Münzen in seinen Sack zu werfen. Das Echo des klimpernden Metalls ist unerträglich. Der Gedanke an den korrupten Sheriff in Robin Hood. Trüge jemand in der Kirche einen Gips, der Messdiener würde ihn nach Münzen abklopfen. Ich drehe mich nach einer Weile entrüstet um und unterbreche die weit ausholende Rede meines Großonkels, um dem Messdiener Einhalt zu gebieten. Er macht ungestört weiter, tut so, als würde er nicht verstehen. Als er zu den oberen Rängen kommt, wird das Klimpern zu einem Scheppern, das durch die ganze Kirche hallt, mittelalterlich und dumm.


Irgendein halb-debiler Mensch kam vor Jahrhunderten auf die Idee, es Leichenschmaus zu nennen. Platten voller sardischer Antipasti, Meeresfrüchte. Schwarz angezogene Menschen geben uns Komplimente für Essen, das wir nicht gemacht haben. Oktopus-Salat zum Leichenschmaus. Ekelerregend und es schmeckt wirklich gut und das ist mir egal. Irgendjemand aus der entfernten Familie sagt: „Ein wirklich gelungener Tag.“ Die anderen, nicht ganz so schwarz angezogenen Menschen mit nicht ganz so vielen Falten im Gesicht rauchen, trinken, umarmen sich viel und wissen schnell, dass sie sich in ein eigenes Zimmer zurückziehen müssen. Ich dachte immer, dass Erwachsene, also Erwachsene, genau für solche Momente da sind – um das Richtige zu sagen, Beileid zu bekunden, um Weisheit und Erinnerungen in schweren Zeiten zu teilen. Stattdessen: Komplimente für die Organisation der Beerdigung. Und für das Essen. Alle lieben sie das Essen. Über die Tote wird nicht gesprochen, als wäre sie schon lange tot. Die Jungen wissen zumindest: Wenn man betrunken ist, kann man sie sich vom Hals halten, die Erwachsenen. Außer meinen Vater, aber der gehört auch nicht zu ihnen, den Erwachsenen. Er betrinkt sich auch, um sie sich vom Hals zu halten, die Erwachsenen.


Meine Ex-Freundin ist aus London angereist. Eine Tatsache, die mich immer wieder plötzlich zum Weinen bringt. Ich werde ihr später sagen, dass ich sie liebe und dass sich das nie ändern wird, auch wenn wir nicht zusammen sind, und vielleicht stimmt das ja wirklich. Sobald das Essen weg ist, gehen auch die Erwachsenen. Zurück bleiben: Hitze, Schulterklopfen, Zigaretten, Umarmungen sowie mein Vater und ein von ihm auserkorener Saufkumpane namens Fabian. What a great guy wird er später über diesen Freund einer guten Freundin sagen und ich bin seiner Meinung. Und dann taucht die Idee auf, materialisiert sich von selber, kann keiner bestimmten Person zugeschrieben werden: Fünf Uhr nachmittags, zwölf betrunkene Trauernde in Anzug mit Weinflasche im Anschlag auf dem Weg ins Prinzregentenbad zwei Straßen weiter. Chlorgetränkter Ort der Sehnsucht und der Jugend. Meine Ex-Freundin und ich kommen nach, nicht sicher, ob er nicht doch woanders hingelaufen ist, der trauernde, ekstatische Trupp. „Wir suchen eine Gruppe von Trauernden. Sie haben Anzüge an. Sind sie vielleicht hier vorbeigekommen?“ Türkisgrünes Polohemd mit Wellenlogo über der Brust, überraschend nette Miene: „Die Leute von der Beerdigung? Ja, die haben schon für euch gezahlt.“ Wir gehen die zu großen Beton-Stufen in langen, auf den Fußballen schmerzenden Schritten herunter, unter uns die stillgelegte Schlittschuhbahn, dahinter die glitzernden Becken. Der Geruch von Pommes, Chlor, frisch gemähtem Gras und Sonnencreme. Von der Empore aus sehen wir in der Ferne, wie David Scherker in seinem Anzug in das Bahnenbecken springt. Türkisgrüne Männer beeilen sich auf weißen Kunstlederschlappen. Die Diskussion ist in vollem Gange, als wir bei ihnen ankommen. Es geht um Hygiene. Doch die Deutungshoheit liegt bei den Trauernden, nicht bei den Angestellten der Münchner Schwimmbadbetriebe. Wer trauert ist gut. Ein türkisgrüner Mann, der ausschaut, als würde er oft und gerne in Swingerclubs gehen, sagt: „Verstehe ich das richtig: Ihr kommt alle grade von einer Beerdigung und seid deshalb verwirrt?“ David Scherker, dem die Schurwolle am drahtigen Körper klebt, streckt ihm zur Bestätigung eine zur Pistole geformte Hand entgegen und sagt: „Ganz genau.“ Die Stimmung in der Gruppe ist gelöst. Ja, wir sind verwirrt. Wir freuen uns über die Geistesgegenwärtigkeit des Bademeisters. Anna, verlaufene Mascara im engelhaften Gesicht, drückt ihm zum Dank die Hand. Sie führt die Verhandlungen. Mit Chuzpe würde mein Vater sagen. Wir können bleiben, müssen aber Anzüge und Kleider ablegen, sonst fliegen wir raus. In Unterwäsche dürfen wir ins Wasser, auch wenn das sonst nicht erlaubt ist. In der Nähe des Beckens darf weder geraucht noch getrunken werden – der Mann aus dem Swingerclub zeigt auf zwei Freunde, die am Beckenrad sitzen und ein wenig Rotwein ins Becken schütten, um zu schauen, wie das Chlor auf den Wein reagiert. Der Freund meiner Schwester steht oben auf dem Dreier, sein behaarter Schritt glänzt in der nassen weißen Boxershorts. Junge Mütter sagen ihren Kindern, dass sie woanders hinschauen sollen. Dann kopfüber ins Blau, taube Ohren und das bestätigende Gefühl eines abgebremsten, unter Wasser schwebenden Körpers. Seine Beine waren hinten übergeklappt, ansonsten war sein Köpfer exquisit, ein feierlicher Akt, ein Vertrauensbeweis. Die Trauernden klatschen in Anerkennung.


Im Herbst habe ich sie noch im Englischen Garten spazieren geschoben. Sie dachte und ich dachte und wir alle dachten, dass sich ihr Leid ab jetzt nur noch verringern kann. Das Laub war an vielen Stellen über einen halben Meter hoch und ich fing an, sie durch den Wall an Blättern zu schieben. Erst langsam, dann immer schneller, sodass es sich auf ihrem Schoß türmte. Sie konnte nicht genug davon bekommen und sagte auf die durch ihre Gebrechlichkeit bedingte kindliche Art: „Nochmal. Und nochmal.“ Wir teilten das Laub immer wieder, hinterließen gleisartige Schneisen. Dann wollte sie unbedingt, dass ich ein Foto von ihr neben einem Laubberg mache. Sie streckte ihren beweglichen Arm triumphierend in die Höhe, ihre blauen Augen fordernd und wach. Monate später hat es ein Chirurg, der gerne Cowboystiefel trägt, geschafft, sie zu überzeugen, sich nochmal operieren zu lassen. Irgendein Erwachsener war dabei, weil wir Kinder gerade nicht konnten, und nickte es ab und sprach ihr Mut zu und merkte nicht, dass sie es nur tat, um endlich zu sterben, und sie sagten uns nie, dass sie ein Viertel des Schädels rausnehmen müssten und so war mein Bruder der Erste, der sie auf der Intensivstation sah, und sie schrie und hatte Todesangst, weil sie noch nicht tot war, ein größeres, neuartiges Leid und ein Lappen auf ihrem Hirn wurden ihr bewusst und war zugeschwollen und schrie durch den halbgelähmten Mund, bis die Ärzte sie wieder zupumpten. Ein langer Schnitt vom Kopf hinunter in den Hals, getrocknetes Blut auf dem blaugepunkteten Kittel. „Frankenstein“, sagte mein Bruder kurz danach in der Küche, nachdem er aus der Intensivstation geflüchtet war, und schrie und weinte um sich, fluchte über den Erwachsenen, über den Arzt, über Ärzte, über die Obsession zu operieren, nur weil man es noch kann. Er halte es nicht mehr aus. Er würde mir abraten, ins Krankenhaus zu gehen, die Bilder in meinem Kopf, ich würde sie bereuen, nie loswerden.


Schrumpelhornhaut auf heißem Beton. Meine Ex-Freundin und ich sitzen auf einer Bank fernab von den Anderen. Wir küssen uns zum ersten Mal seit langer Zeit, als wäre es der normalste, vertrauteste Akt. What is that? Ein weißer, münzgroßer Fleck auf meiner Ferse. Eine Warze, weiß und geschwollen, weil ich sie, wie seit Jahren alle sechs Monate, mit einer Tinktur bearbeite, wobei ich keine Hoffnung habe, dass es klappt, sondern nur Gefallen daran finde, das tote, weiße Fleisch immer wieder abzutragen, reinigend und sinnlos, mit einem Skalpell mit kreisförmiger Klinge, rechtschaffene Arbeit an der eigenen Haut. Sie ist empört. You bastard. Dass ich ihr diese Warze in unserer dreijährigen Beziehung verheimlicht habe. You cheeky bastard. Sie schaut sich den weißen Hügel genau an, schüttelt sich vor Ekel und schaut ihn sich genauer an. It’s huge. Für einen Moment scheint es so, als ob sie mehr Geheimnisse wittert – wenn ich ihr schon ein so großes, weißes Wachstum verheimlichen konnte. Früher hat sie mir immer Hexenhaare aus dem Rücken gezogen, akribisch, pavianhaft. Nichts ist beruhigender als jemand, der dir mit einer an Religiosität grenzenden Ernsthaftigkeit Haare aus dem Rücken reißt.  


Die nasse Unterwäsche zeichnet sich lasziv unter unseren schwarzen Anzügen und Kleidern ab. Wir brechen auf, winken den Türkisgrünen zu, vor allem dem Mann aus dem Swingerclub, der wirklich gerührt scheint, wirklich nett, sogar lächelt. Wir lassen das Bahnenbecken hinter uns. Eine alte Schwimmhaubenfrau zischt uns grob „Sauerei“ hinterher. Als hätte sie Stimmbänder im Darm, als wäre ihr Rachen ein tiefer Sumpf. Wir finden, wir haben nichts mit Schweinen gemeinsam. David Scherker macht abrupt kehrt und hechtet zurück ins Wasser. Die türkisgrünen Angestellten der Münchner Schwimmbadbetriebe werden ungehalten und greifen zur Trillerpfeife. Unsere Vereinbarung wurde aufgelöst. David Scherker schwimmt unter Schiedsrichterpfiffen in die Mitte des Bahnenbeckens und bleibt dort. Die betuchten Arme und Beine strecken und beugen sich in Zeitlupe, strecken und beugen sich, strecken und beugen sich, geben ihm Auftrieb, er pfeift eine Melodie als Antwort auf die Trillerpfeifen, eine abtrünnige, schwarze Wasserspinne. Wir applaudieren. Die Türkisgrünen versuchen es mit Appellen, sind ratlos, ob sie der Münchner Tradition, bei Ratlosigkeit die Polizei zu rufen, folgen sollen oder den Mann im Anzug, der in der Mitte des Beckens auf der Stelle schwimmt, eigenhändig rausfischen. Die alte Schwimmhaubenfrau sitzt am Beckenrand und sagt: "Was für eine Sauerei“. Wir finden, wir haben nichts mit Schweinen gemeinsam. Wieso darf sie leben?